KÜCHENWISSEN

Vietnamesische Kräuter kennenlernen – mehr als nur Koriander

Wer zum ersten Mal in Vietnam eine Schüssel Nudelsuppe bestellt, bekommt oft nicht nur die Suppe. Daneben liegt ein Teller voller Blätter, Stängel, Sprossen und manchmal Limetten und Chili. Das ist keine Dekoration, die unberührt am Tellerrand liegen soll. Die frischen Zutaten gehören zum Essen dazu: Man zupft ein paar Blätter ab, gibt sie in die Brühe oder isst sie zwischen den Bissen. Koriander kennt man inzwischen auch bei uns. Aber was ist mit rau răm, ngò gai, tía tô, kinh giới oder diếp cá? Hinter diesen Namen stecken ganz unterschiedliche Kräuter. Einige duften zitronig, andere erinnern an Anis oder Minze, wieder andere schmecken so eigenwillig, dass man sie am besten erst einmal vorsichtig probiert. Dieser Überblick soll beim Einkaufen, Kochen und Probieren helfen. Er erklärt, welche Kräuter häufig verwendet werden, woran man sie grob erkennt und bei welchen vietnamesischen Gerichten sie besonders gut zur Geltung kommen. Eine feste Kräutermischung für ganz Vietnam gibt es dabei nicht: Region, Gericht und persönliche Vorlieben machen einen Unterschied.

Frische grüne und violette Küchenkräuter mit Minze, Koriander und Basilikum in einem geflochtenen Korb neben Limetten und Chili
Aromatische Kräuter sind ein wesentlicher Bestandteil der vietnamesischen Küche. KI-generierte Illustration, keine botanische Bestimmungshilfe.

Warum frische Kräuter in Vietnam so wichtig sind

In der vietnamesischen Küche kommen frische Kräuter häufig direkt auf den Tisch. Sie werden in gỏi cuốn (Sommerrollen) gewickelt, über bún-Nudelgerichte gestreut, zu gegrilltem Fleisch gegessen oder in eine heiße Brühe gegeben. Dabei übernehmen sie mehrere Aufgaben gleichzeitig: Sie liefern Duft, Frische, Würze und häufig einen Kontrast zu warmen, herzhaften oder gebratenen Zutaten.

Der Sammelbegriff rau thơm bedeutet sinngemäß aromatische Kräuter beziehungsweise Duftkräuter. Daneben gibt es rau sống, also roh serviertes Blattgemüse und Kräuter. Ein Kräuterteller kann deshalb auch Salat, Sprossen oder andere rohe Gemüsebestandteile enthalten. Nicht jedes grüne Blatt darauf ist botanisch ein Kraut.

Auch die Region spielt eine Rolle. Eine südliche Phở wird oft mit einer größeren Auswahl frischer Kräuter und Sprossen serviert; bei manchen nordvietnamesischen Varianten steht die Brühe stärker im Vordergrund, und die Begleitung fällt zurückhaltender aus. Das sind Tendenzen, keine Regeln, die für jedes Lokal oder jede Familie gelten.

Gut zu wissen: Vietnamesische Kräuternamen sind im Deutschen nicht immer einheitlich übersetzt. Selbst englische Namen wie „Vietnamese mint“ oder „Vietnamese coriander“ können zu Missverständnissen führen. Wer eine bestimmte Pflanze sucht, fährt mit dem vietnamesischen Namen und – falls bekannt – dem botanischen Namen oft besser.

Die wichtigsten vietnamesischen Kräuter im Porträt

1. Rau mùi / ngò rí – der bekannte Blattkoriander

Botanisch: Coriandrum sativum

Blattkoriander hat zarte, gelappte Blätter und einen frischen, grünen, leicht zitrusartigen Geschmack. Ein Teil der Menschen nimmt seine Aromastoffe allerdings als seifig wahr. In Nordvietnam hört man häufig rau mùi, im Süden eher ngò rí oder kurz ngò.

Er passt unter anderem zu Nudelsuppen, Salaten, Reisgerichten und bánh mì. Meist wird er kurz vor dem Servieren dazugegeben, damit sein Duft erhalten bleibt. Die zarten Stiele sind ebenfalls aromatisch und können – sofern sauber und nicht holzig – mitverwendet werden.

Für den Einstieg: Koriander ist der vertrauteste Ausgangspunkt, aber keineswegs ein Ersatz für alle anderen vietnamesischen Kräuter.

2. Rau răm – vietnamesischer Koriander, aber kein echter Koriander

Botanisch: Persicaria odorata; älterer Name: Polygonum odoratum

Rau răm hat schmale, zugespitzte Blätter, gelegentlich mit einer dunkleren Zeichnung. Das Aroma ist pfeffrig, leicht scharf, grün und zitronig. Im Handel findet man die Bezeichnungen vietnamesischer Koriander, Laksa-Blatt oder auch „Vietnamese mint“. Trotz dieser Namen gehört Rau răm weder zu echtem Koriander noch zu den Minzen.

Verwendet wird es beispielsweise in vietnamesischen Salaten (gỏi), zu Geflügel und Meeresfrüchten sowie traditionell zu bestimmten Eierspeisen. Es ist kräftiger als Blattkoriander; ein paar Blätter können für einen ersten Geschmackstest reichen.

Wichtige Verwechslung: Rau răm ist nicht dasselbe wie ngò om (Reisfeldkraut). In englischsprachigen Übersichten werden diese beiden Pflanzen gelegentlich durcheinandergebracht.

3. Ngò gai / mùi tàu – langer, gezackter Koriander

Botanisch: Eryngium foetidum

Wer nur gewöhnlichen Koriander kennt, erkennt ngò gai zunächst kaum wieder. Die länglichen, festen Blätter haben deutlich gezackte Ränder. Auf Deutsch findet man Namen wie Langer Koriander, Sägezahnkoriander oder Culantro. Der Geschmack ist kräftig korianderartig und hält sich beim Zerkleinern gut bemerkbar.

Ngò gai wird häufig fein geschnitten in Suppen verwendet oder als frische Beilage angeboten. Besonders bekannt ist es als eine mögliche Begleitung zu phở. Auch in Salaten und anderen würzigen Gerichten kann es eingesetzt werden.

Küchentipp: Die Blätter sind kräftiger gebaut als die von Blattkoriander. Wer sie nicht als ganze Blätter essen möchte, kann sie fein schneiden.

4. Húng quế – Thai-Basilikum mit anisartigem Duft

Botanisch: meist Ocimum basilicum in Thai-Basilikum-Formen

Thai-Basilikum erkennt man häufig an schmaleren Blättern, teils violett gefärbten Stängeln und seinem unverwechselbaren Duft. Es schmeckt nicht wie das klassische italienische Basilikum: Auffällig sind Anis-, Lakritz- und würzige Basilikumnoten.

In Vietnam ist húng quế eine bekannte Begleitung zu Nudelsuppen, insbesondere vielen südlichen Phở-Varianten, und zu frischen Rollen und Kräutertellern. Man kann die Blätter abzupfen, in die heiße Brühe geben oder frisch dazu essen.

Ersatz im Notfall: Normales Basilikum bringt Frische, aber nicht denselben Anischarakter. Ein gleichwertiger Ersatz ist es deshalb nicht.

5. Húng lủi – Minze, die Frische bringt

Botanisch: meist Formen der Grünen Minze, Mentha spicata

Unter húng lủi wird häufig eine spearmintartige Minze verstanden. Das Aroma ist kühl, frisch und weniger medizinisch-scharf als bei manchen Pfefferminzsorten. Je nach Region und Geschäft können die Minzbezeichnungen variieren.

Minze passt wunderbar zu Sommerrollen, kalten Reisnudelgerichten, Blattsalaten und Kräutertellern. Sie bildet einen frischen Gegenpol zu gebratenem Fleisch, Tofu oder herzhaften Dips.

Für den Einkauf: Gewöhnliche grüne Minze ist für viele Gerichte eine brauchbare Alternative. Bei stark mentholhaltiger Pfefferminze lieber vorsichtig dosieren.

6. Tía tô – Perilla mit grünen und violetten Blättern

Botanisch: Perilla frutescens

Tía tô fällt durch größere, oft gezähnte und häufig grün-violett gefärbte Blätter auf. Nicht jede Pflanze sieht gleich aus; Farbe und Ausprägung unterscheiden sich je nach Sorte. Das Aroma lässt sich schwer auf einen Vergleich reduzieren: würzig, leicht minzig und kräuterig, mit Anklängen, die an Basilikum oder andere aromatische Blätter erinnern können.

Perilla wird als Blatt auf Kräutertellern gereicht, in Rollen gewickelt oder zu herzhaften Gerichten gegessen. Das Blatt darf bei solchen Anwendungen durchaus eine deutlich größere Rolle spielen als bloß die Garnitur.

Verwechslungsgefahr: Japanisches Shiso und vietnamesisches Tía tô gehören botanisch zur gleichen Art, können sich aber in Sorte, Aroma und Verwendung unterscheiden. Ein Tausch kann funktionieren, muss geschmacklich aber nicht identisch sein.

7. Kinh giới – vietnamesische Melisse

Botanisch: Elsholtzia ciliata

Die Blätter von kinh giới sind grün, meist gezähnt und eher zart. Im Deutschen liest man oft vietnamesische Melisse, auf Englisch Vietnamese balm. Geschmacklich ist das Kraut frisch, etwas zitronig, minzig und würzig.

Es wird besonders gern roh oder erst zum Schluss zu Salaten, Reisnudeln und Fleischgerichten gegeben. Wer verschiedene Kräuter in eine Sommerrolle legt, merkt schnell, dass Kinh giới andere Akzente setzt als gewöhnliche Minze.

Wichtig: Trotz des Namens ist Kinh giới nicht einfach dieselbe Pflanze wie die bei uns geläufige Zitronenmelisse (Melissa officinalis). Letztere kann als improvisierte Alternative eine zitrische Richtung einbringen, schmeckt aber anders.

8. Ngò om / rau om – das aromatische Reisfeldkraut

Botanisch: Limnophila aromatica

Das sogenannte Reisfeldkraut wächst ursprünglich in feuchten Lebensräumen. Es besitzt schmale, weiche Blätter und ein ungewöhnlich zitronig-würziges, leicht kümmelartiges Aroma. Der vietnamesische Name wird unter anderem ngò om oder rau om geschrieben.

Seine bekannte Rolle liegt in canh chua, einer vietnamesischen säuerlichen Suppe. Auch andere Fisch- und Gemüsegerichte können damit aromatisiert werden. Je nach Gericht kommt das Kraut erst gegen Ende hinzu, damit seine frischen Noten nicht vollständig verkochen.

Merksatz: Rau răm ist das pfeffrige vietnamesische Korianderkraut; ngò om ist das zitronig-kümmelartige Reisfeldkraut. Das sind zwei unterschiedliche Pflanzen.

9. Diếp cá – Fischminze für Neugierige

Botanisch: Houttuynia cordata

Diếp cá heißt auf Deutsch oft Fischminze. Der Name beschreibt ihren markanten Geruch nur ansatzweise: Viele nehmen ihn als fischig, erdig, metallisch oder ungewöhnlich kräftig wahr. Andere mögen gerade diesen intensiven Charakter. Das aromatische Blatt wird häufig roh gegessen, zum Beispiel zu deftigen Speisen oder auf gemischten Kräutertellern.

Hier lohnt es sich, mit einem sehr kleinen Stück zu beginnen und zunächst ohne weitere Zutaten zu probieren. Es ist völlig normal, wenn einem der Geschmack nicht auf Anhieb zusagt.

Nicht verwechseln: Fischminze enthält nicht automatisch Fisch. Ihr Name beschreibt einen Geruchseindruck; es handelt sich um eine Pflanze.

10. Thì là – Dill, besonders interessant zu Fisch

Botanisch: Anethum graveolens

Dill ist in Deutschland wohlbekannt – trotzdem lohnt sich sein Platz in dieser Übersicht. Thì là spielt in bestimmten nordvietnamesischen Fischgerichten eine besondere Rolle. Ein bekanntes Beispiel ist chả cá, bei dem Dill und Frühlingszwiebeln mit Fisch zusammenkommen.

Anders als bei vielen roh servierten Kräutern ist hier auch das kurze Mitgaren wichtig. Der Dill verbindet sich im heißen Gericht mit Fisch, Öl und Gewürzen. Das zeigt schön, warum „vietnamesische Kräuter“ nicht automatisch nur rohe Kräuterteller bedeuten.

11. Hành lá und hẹ – Frühlingszwiebel und Knoblauch-Schnittlauch

Hành lá bezeichnet Frühlingszwiebel beziehungsweise deren Grün. Es wird in Suppen, Reisgerichten, Saucen und gebratenen Speisen verwendet. Je nach Gericht kann es roh, kurz gegart oder bereits beim Kochen zum Einsatz kommen.

Hẹ sind Schnittknoblauch beziehungsweise Knoblauch-Schnittlauch (Allium tuberosum). Die flachen grünen Blätter schmecken milder als eine Knoblauchzehe, aber deutlich knoblauchartig. Sie kommen unter anderem in Suppen und verschiedenen herzhaften Gerichten vor.

Beide sind weniger exotisch als einige andere Kräuter, aber im vietnamesischen Küchenalltag sehr wichtig.

12. Lá lốt – ein würziges Blatt zum Einwickeln

Botanisch: meist Piper sarmentosum, im Handel auch als Wildbetelblatt bezeichnet

Lá lốt ist ein herzförmiges, kräftigeres Blatt mit einem würzig-pfeffrigen Aroma. Seine bekannteste Verwendung ist bò lá lốt: gewürztes Fleisch wird in die Blätter gewickelt und anschließend gegrillt oder gebraten. Erst die Hitze entwickelt die für dieses Gericht typische Kombination aus Blattduft und herzhaftem Fleisch.

Achtung beim Namen: Lá lốt ist nicht einfach dasselbe wie das gewöhnliche Betelblatt, das in anderen Zusammenhängen als Kauzutat verwendet wird. Beim Kauf auf die konkrete kulinarische Bezeichnung achten.

Schnellübersicht: Welches Kraut passt wozu?

| Vietnamesischer Name | Deutscher Handelsname | Geschmack in Kürze | Typische Verwendung |
| --- | --- | --- | --- |
| Rau mùi / ngò rí | Blattkoriander | Frisch, grün, zitrisch | Bánh mì, Suppen, Salate |
| Rau răm | Vietnamesischer Koriander | Pfeffrig, zitronig | Gỏi, Geflügel, Meeresfrüchte |
| Ngò gai | Culantro, Sägezahnkoriander | Intensiver Koriander | Phở, andere Suppen |
| Húng quế | Thai-Basilikum | Anis, Lakritz, würzig | Phở, Rollen, Kräuterteller |
| Húng lủi | Grüne Minze | Kühl, frisch | Gỏi cuốn, Bún, Salate |
| Tía tô | Perilla | Würzig, minzig, komplex | Rollen, Salate, Kräuterteller |
| Kinh giới | Vietnamesische Melisse | Zitronig, minzig | Salate, Bún, frische Beilagen |
| Ngò om | Reisfeldkraut | Zitronig, leicht kümmelartig | Canh chua, Suppen |
| Diếp cá | Fischminze | Kräftig, erdig, eigenwillig | Rohe Kräuterbeilagen |
| Thì là | Dill | Frisch, süßlich-anisartig | Chả cá, Fischgerichte |
| Hành lá / hẹ | Frühlingszwiebel / Schnittknoblauch | Zwiebelig / knoblauchartig | Suppen, Pfanne, Einlagen |
| Lá lốt | Wildbetelblatt | Würzig, pfeffrig | Bò lá lốt, gegrillte Rollen |

Die Tabelle ist eine Orientierung. Eine Kräuterauswahl ist nicht auf ein einzelnes Gericht beschränkt, und die regionalen Verwendungen unterscheiden sich.

Welche Kräuter gehören zu welchem vietnamesischen Gericht?

Phở – Kräuter an die heiße Suppe

Zu einer Phở werden häufig aromatische Kräuter angeboten. Vor allem im Süden sind Thai-Basilikum, ngò gai, Koriander und andere frische Zutaten verbreitet. Die Blätter können in die warme Brühe gegeben werden; ihr Duft verändert sich dann mit der Temperatur. Man kann sie auch erst während des Essens portionsweise ergänzen.

Nicht jede traditionelle Phở wird mit demselben Kräuterteller serviert. Die Brühe und das jeweilige regionale Rezept bleiben entscheidend.

Bún – Reisnudeln mit vielen frischen Kontrasten

Bei bún, also Reisnudeln beziehungsweise Reisnudelgerichten, ergänzen Kräuter sehr unterschiedliche Zutaten: gegrilltes Fleisch, Tofu, gebratene Komponenten, Gemüse und Dips. Gut passen häufig Minze, Koriander, Thai-Basilikum oder weitere Kräuter nach regionaler Art.

Hier werden die Kräuter meist mitgegessen, nicht nur über das fertige Gericht gestreut. Die Blätter sorgen zusammen mit Salat und Gemüse für ein frisches Gegengewicht zu herzhaften Bestandteilen.

Gỏi cuốn – Sommerrollen

Sommerrollen zeigen besonders gut, was frische Kräuter leisten. Etwas Minze, Koriander oder Thai-Basilikum verändert den Geschmack einer Rolle deutlich. Tía tô oder kinh giới können zusätzlich eine spannende Würze beisteuern, wenn sie erhältlich sind.

Es ist nicht nötig, alle Kräuter gleichzeitig zu verwenden. Für den Anfang reichen zwei Sorten, damit man den Unterschied überhaupt herausschmeckt. Weitere Hinweise zum Rollen enthält der GER-VIN-Artikel „Reispapier verwenden – Sommerrollen selbst gemacht“.

Chả cá – Fisch mit Dill

Die Verbindung von Fisch, Dill und Frühlingszwiebel ist besonders aus Hanoi bekannt. In dieser Zubereitung liegen die Kräuter nicht nur roh daneben: Sie werden teilweise kurz mit dem Fisch erhitzt und dadurch Teil des warmen Aromas.

Canh chua – säuerliche Suppe

Zu manchen Varianten der canh chua passt ngò om ausgezeichnet. Sein zitronig-würziger Charakter unterstützt die saure Richtung der Suppe. Das Kraut muss dafür nicht über die gesamte Garzeit mitkochen.

Bò lá lốt – Blätter statt Garnitur

Bei bò lá lốt wird das aromatische Blatt zur Hülle. Die Rolle wird gegart, und der Geschmack des Blattes gehört ausdrücklich zum Gericht. Dieses Beispiel zeigt, wie vielseitig Blattkräuter in der vietnamesischen Küche verwendet werden.

Frisch dazugeben oder mitkochen?

Viele vietnamesische Kräuter sind besonders ausdrucksstark, wenn sie frisch oder erst unmittelbar vor dem Servieren verwendet werden. Dazu zählen beispielsweise Minze, Blattkoriander, Perilla und vietnamesische Melisse. Die flüchtigen Duftstoffe gehen beim langen Kochen teilweise verloren.

Das bedeutet aber nicht, dass solche Kräuter niemals erhitzt werden dürfen. Thai-Basilikum kann in einer heißen Brühe kurz welken. Dill wird bei chả cá sogar mit dem Fisch erhitzt. Frühlingszwiebeln können in einer Pfanne mitgaren oder roh über die Suppe gestreut werden.

Praktischer Grundsatz: Erst überlegen, welche Aufgabe das Kraut erfüllen soll. Soll es frisch und knackig schmecken, spät zugeben. Soll sein Aroma in eine heiße Speise übergehen, kann kurzes Mitgaren sinnvoll sein. Bei langen Garzeiten lieber zunächst vorsichtig sein und einen Teil der Kräuter für das Ende aufheben.

Vietnamesische Kräuter in Deutschland kaufen

Koriander, Minze, Dill und Frühlingszwiebeln bekommt man meist auch im normalen Supermarkt. Für rau răm, ngò gai, tía tô, kinh giới oder ngò om lohnt sich dagegen eher ein gut sortierter asiatischer Lebensmittelmarkt – idealerweise einer mit vietnamesischem Sortiment. Ob eine Sorte tatsächlich verfügbar ist, kann saisonal und von Geschäft zu Geschäft unterschiedlich sein.

Beim Einkauf helfen diese Fragen:

  • Wie heißt das Kraut auf Vietnamesisch? Bei ähnlichen deutschen Namen am besten zusätzlich nachfragen.

  • Sind die Blätter frisch, elastisch und ohne schleimige Stellen?

  • Riecht das Kraut sortentypisch, oder ist es bereits muffig?

  • Lassen sich die empfindlichen Kräuter bald verwenden?

  • Ist die Pflanze ausdrücklich als Lebensmittel verkauft? Zierpflanzen, Kräuter aus unbekannten Quellen und Aquarienpflanzen sind nicht automatisch für den Verzehr geeignet.

Wer Kräuter häufiger braucht, kann einige auch im Topf anbauen. Minze und Thai-Basilikum sind ein guter Einstieg. Rau răm wächst bei geeigneter Wärme und Feuchtigkeit ebenfalls gut, braucht hierzulande aber Schutz vor Kälte. Die genauen Bedingungen hängen von Art und Standort ab.

Was tun, wenn ein Kraut fehlt?

Nicht jede Sorte besitzt einen echten Ersatz. Dennoch lässt sich die geschmackliche Richtung manchmal annähern:

| Gesuchtes Kraut | Mögliche Annäherung | Was fehlt? |
| --- | --- | --- |
| Húng quế | Normales Basilikum | Der typische Anis-/Lakritzton |
| Húng lủi | Grüne Minze | Je nach Sorte etwas andere Frische |
| Ngò gai | Etwas mehr Blattkoriander | Die besondere Intensität und Textur |
| Rau răm | Koriander plus eine Spur Minze und Pfeffer | Die eigene pfeffrige, zitronige Note |
| Kinh giới | Wenig Zitronenmelisse oder Minze | Der spezifische würzig-frische Charakter |
| Tía tô | Japanisches Shiso | Je nach Sorte andere Duftnuancen |
| Ngò om | Kein wirklich gleichwertiger Ersatz | Die besondere zitronig-kümmelartige Note |

Für ein Alltagsgericht ist eine gute, frische Alternative oft sinnvoller als ein altes, welkes „Original“. Bei einem Gericht, das ausdrücklich vom Aroma eines bestimmten Krauts lebt, lohnt es sich allerdings, danach zu suchen.

Waschen und aufbewahren – damit die Kräuter frisch bleiben

Bei roh gegessenen Kräutern ist Hygiene wichtig. Erde, kleine Insekten und mögliche Krankheitserreger können an Blättern und Stielen haften. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, frische Kräuter vor der Zubereitung beziehungsweise dem Verzehr sorgfältig unter fließendem Trinkwasser zu waschen.

So lassen sich Kräuter für den Gebrauch vorbereiten:

  1. Welkes, beschädigtes oder schleimiges Material aussortieren.

  2. Kräuter vorsichtig unter kühlem, fließendem Trinkwasser reinigen. Bei dichten Bündeln die Blätter behutsam auseinanderziehen.

  3. Abtropfen lassen und mit einem sauberen Tuch oder in einer Salatschleuder vorsichtig trocknen. Zu viel Wasser kann beispielsweise Sommerrollen verwässern.

  4. Mit sauberem Messer und Brett schneiden, getrennt von der Bearbeitung rohen Fleisches.

  5. Möglichst zeitnah verwenden und bis dahin passend kühlen beziehungsweise lagern.

Für die Lagerung: Viele Kräuter halten sich im Kühlschrank besser, wenn sie gegen Austrocknen geschützt sind, etwa locker in leicht feuchtes Küchenpapier gewickelt oder sortenabhängig mit den Stielen in wenig Wasser und locker abgedeckt. Sie sollen nicht in Wasser liegen und auch nicht luftdicht nass eingeschlossen werden. Basilikumarten können auf zu starke Kälte empfindlich reagieren; deshalb die Sorte berücksichtigen. Welke oder verdorbene Blätter entfernen.

Am besten nur so viel kaufen, wie sich in absehbarer Zeit tatsächlich verwenden lässt. Wie lange ein Bund hält, hängt von Frische, Sorte und Lagerbedingungen ab – eine feste Haltbarkeitszahl für alle Kräuter wäre wenig hilfreich.

Wichtig: Waschen reduziert Verschmutzungen und einen Teil möglicher Keime, macht belastete Ware aber nicht zuverlässig keimfrei. Für besonders empfindliche Personen sind rohe Kräuter und Sprossen individuell unter Hygienegesichtspunkten zu beurteilen.

Fünf typische Fehler beim Umgang mit vietnamesischen Kräutern

Alle grünen Blätter für austauschbar halten

Rau răm schmeckt anders als ngò gai, und beide wiederum anders als Koriander. Bei Unsicherheit hilft es, ein Blatt einzeln zu probieren. So lernt man die Unterschiede schneller als in einer stark gewürzten Sauce.

Eine riesige Mischung ohne Geschmackstest verwenden

Wer gleich fünf unbekannte Kräuter zusammenwirft, weiß am Ende kaum, welches den Geschmack dominiert. Besser zunächst zwei oder drei Sorten kombinieren und bewusst probieren.

Alles lange mitkochen

Viele frische Aromen verfliegen bei längerer Hitze. Für Suppen und Pfannengerichte einen Teil der Kräuter erst am Ende ergänzen, wenn der frische Duft im Vordergrund stehen soll.

Kräuter tropfnass in Rollen oder Salate geben

Zu viel Wasser verwässert den Dip, macht Reisnudeln feuchter und kann Reispapier schneller aufweichen. Sorgfältiges Abtropfen und Trocknen lohnt sich.

Einen deutschen Namen für eine sichere Pflanzenbestimmung halten

Besonders „vietnamesische Minze“, „vietnamesischer Koriander“ oder „Betelblatt“ sind als Handelsnamen nicht eindeutig genug. Im Zweifel vietnamesische und botanische Bezeichnung prüfen. Eine KI-generierte Illustration wie das Titelbild dieses Artikels ist keine verlässliche Bestimmungshilfe für einzelne Pflanzen.

Ein einfacher Einstieg in die vietnamesische Kräuterküche

Für den Anfang ist kein Einkauf mit zwölf verschiedenen Bund Kräutern nötig. Schon mit Koriander, Minze und Thai-Basilikum lässt sich ein guter Eindruck gewinnen. Diese drei unterscheiden sich deutlich und passen zu Sommerrollen oder einem Reisnudelsalat.

Danach kann man gezielt eine weitere Sorte ausprobieren – etwa rau răm für ein pfeffrigeres Aroma, ngò gai als kräftige Koriandervariante oder tía tô für einen ganz neuen Blattgeschmack. Wer gern vietnamesische Suppen kocht, kann später nach ngò om Ausschau halten.

Der beste Vergleich ist erstaunlich einfach: je ein frisch gewaschenes Blatt erst einzeln probieren, danach mit einem Bissen vom Gericht. So merkt man, wie stark sich das Aroma in Kombination mit warmen Nudeln, Gemüse, einem Dip oder einer Brühe verändert.

Mein Fazit

Die vietnamesische Kräuterküche ist viel abwechslungsreicher als „ein bisschen Koriander oben drauf“. Jedes Kraut hat seinen eigenen Charakter, und manche Zutaten werden nicht fein gehackt und versteckt, sondern ganz bewusst neben dem Essen serviert.

Man muss nicht alle Namen sofort auswendig lernen. Wichtiger ist zu verstehen, warum die Kräuter auf dem Tisch stehen: Sie ermöglichen es, eine Suppe, einen Salat oder eine Sommerrolle nach dem eigenen Geschmack zu verändern. Genau darin liegt ein großer Teil ihres Reizes.

GER-VIN-Randnotiz: Erst ein Blatt probieren, dann mischen. So bleibt aus einem unbekannten Bund Kräuter keine anonyme grüne Handvoll.

Schlussgedanke: Wer Kräuter nur als Dekoration betrachtet, übersieht einen Teil des Gerichts.

Quellen und weiterführende Informationen

Die folgenden Quellen wurden für Bezeichnungen, Pflanzenunterscheidung, typische Verwendung und Küchenhygiene abgeglichen. Dieser Küchenwissen-Artikel beschreibt allgemeines Kochwissen und keine persönlich durchgeführte Verkostung.

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